Nur die Wahrheit macht uns frei

Muslimas zwischen Ehre und Tod
Nur die Wahrheit macht uns frei

Muslimas zwischen Ehre und Tod

10.10.2013

Nur die Wahrheit macht uns frei

Am 10.10.2013 referierte Sabatina James in der vollbesetzten Villa Lessing über die Verfolgung von Zwangsheirat und Gewalt im Namen der Ehre und Familien bis hin zum Ehrenmord gegenüber Frauen und Mädchen. Sabatina James, geboren 1982, wurde als 10-jähriges Mädchen mit ihrer Familie aus Pakistan nach Österreich geholt, da Ihr Vater dort Gastarbeiter war. Für das junge Mädchen öffnet sich eine faszinierende Welt. Eine Welt, die ihre Eltern nicht akzeptieren. Sie leben strenggläubig, im ausschließlichen Kontakt zur pakistanischen Gemeinde. Nur in der Schule kostet Sabatina den Zauber der Freiheit. „Ich war dort glücklich!“, sagt sie. „Ich hatte Freundinnen und spielte auf dem Schulhof auch mit Jungen, diskutierte mit den Lehrern.“ Zu Hause hörte sie, das seien alles Ungläubige, schlechte Menschen. Sie sah, wie motiviert die Lehrer waren, wie sehr sie sich bemühten, die Migranten zu integrieren: „In der Schule gab es Toleranz, zu Hause nur Ablehnung und Verachtung für das Land, in dem wir zu Gast sein durften.“

 

Zur Gefahr für die Familienehre wird Sabatina im Alter von 14 Jahren. Von nun an muss sie sich verhüllen, wird bewacht und nicht muslimische Bekanntschaften sind ihr verboten. Die Folter des Vaters beginnt bereits, wenn sie sich nur um Minuten verspätet. Er schlägt sie und sperrt sie ein. Sie selbst ist ebenfalls gläubige Muslimin, betet fünfmal am Tag und dennoch sickern langsam Zweifel in ihr Bewusstsein: „Darf eine Religion jeden Schritt meines Lebens beherrschen, gar die ganze Welt nach ihren Vorstellungen formen? Wo bleibt die eigene Identität? Kann ich so leben wie meine Mutter, will ich das?“ Und während sie sich die Fragen stellt und auf der Suche nach Antworten ist, ist Sabatina eigentlich längst auf der Flucht.

 

Einen Sommerurlaub in die Heimat, nach Pakistan, haben die Eltern ihr angekündigt. Als wahrer Zweck der Reise stellt sich ein anderer heraus. Die damals 17-Jährige und somit minderjährige Sabatina soll verlobt werden und zwar mit dem Mann, dem sie schon als Baby versprochen war, ihrem Cousin. Sabatina wehrt sich und sagt: „Nein. Ich will ihn nicht heiraten.“ Der Großvater jedoch beschimpft nicht sie, sondern sieht vorwurfsvoll den Vater an und der Blick verrät alles: Was hat der Westen aus deiner Tochter gemacht? Dem nicht genug steht die Mutter vor ihr und verprügelt sie vor allen Leuten. Sabatina hat mit einer mächtigen Tradition gebrochen, der des Gehorsams gegenüber den Männern, der Religion und ihrer Kultur – mit Folgen, die sie zum damaligen Zeitpunkt nicht abschätzen konnte.

 

Anschließend wird die ungehorsame Tochter in eine Koranschule im pakistanischen Lahore geschickt. Dort soll Sabatina zu einer anständigen muslimischen Frau erzogen werden und lernen, die Werte der Gemeinschaft zu ehren. Individualität, Freiheit und Selbstbestimmung ist nicht vorgesehen. Mit anderen Mädchen lebt Sabatina in einem verdreckten Raum ohne Möbel, schläft auf dem Boden und der Pflicht, sich selbst bei mehr als 40 Grad Hitze zu verhüllen. Für die junge Frau, die sich gern schminkt, die Haare zurecht und schick macht, bedeutet das eine besondere Erniedrigung. „Die wollten mich meiner kompletten Identität berauben. Man spürt sich nicht. Ich hatte das Gefühl, ich sei gar nicht da!“, beschreibt Sabatina das Leben unter dem Schleier.

 

Die 17-Jährige will Freiheit statt Unterwerfung. Und sie will wieder bei ihren Eltern und den Geschwistern sein: „Ich bin in dem gleichen Dilemma gewesen wie Millionen andere muslimische Frauen, die heute irgendwo in einer Zwangsehe leben. Man sucht immer die Nähe zur Familie. Und das nutzen sie aus. Man spielt mit unserer Liebe zu den Eltern.“

 

Gedemütigt gibt sich Sabatina geschlagen und verlobt sich als gebrochene junge Frau mit ihrem Cousin. Da sie nur so zurück nach Österreich kommen und ihren Schulabschluss nachholen kann. Jedoch geht dies nur mit der Abmachung: „In Europa unterschreibst du die Heiratsurkunde und holst deinen Ehemann nach.“ Ein typischer Teil des Geschäfts mit der „Liebe“.

 

Doch die freiheitswillige Sabatina unterschreibt, gegen jeden Druck der Eltern, nicht. Der Vater droht gar, sich umzubringen und die Mutter setzt ihre Tabletten gegen Bluthochdruck ab. Dennoch unterschreibt sie nicht und ihre Eltern schlagen einen anderen Weg ein. Sie adoptieren den Verlobten, damit er nach Österreich einwandern darf und der Vater unterschreibt die Heiratsurkunde zwischen ihr und ihrem Cousin. „Nun war er mein Cousin, mein Verlobter, mein Ehemann und mein Bruder!“, staunt Sabatina. Sie erkennt, dass ihre Familie, ihren Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung nie akzeptieren wird und sie niemals freigeben wird. Mittlerweile volljährig, konvertiert sie zum Christentum und der Konflikt eskaliert. Der Vater befielt „innerhalb von zwei Wochen bist du wieder Muslima, oder du bist tot.“ Da flieht Sabatina nach Deutschland.

 

Sie ist Opfer ethnischer Gewalt und in dauernder Lebensgefahr. Seit ca. zehn Jahren verhindern die deutschen Behörden, dass ihre Verwandten sie aufspüren. „Ich bin nirgendwo zu Hause, wohne bei Bekannten“, sagt sie. „Eigentlich sollte ich mich auch nicht öffentlich zeigen, geschweige denn äußern.“

 

Doch genau das macht sie. Sie gründete einen Verein, Sabatina e. V., kämpft gegen die Unterdrückung der muslimischen Frauen und fördert die Bildung von Mädchen und Jungen. Sabatina nutzt die Öffentlichkeit als Druckmittel und als Schutzschild. „Ich bewege mich frei, obwohl ich oft Angst habe. Sonst wäre ich im nächsten Gefängnis“, erklärt sie.

 

Mit Sabatina e. V. hilft sie auch zwangsverheirateten Mädchen und Frauen in Deutschland. „Die Menschen in Deutschland sollen endlich aufwachen“, warnt Sabatina, „wenn man hier nicht aufpasst, wird Deutschland von Menschen überrannt, die unsere Gesetze ausnutzen, sich aber selbst nicht nach ihnen richten.“

 

Auch die Medien hätten Angst, meint Sabatina: „Bei einem Fernsehsender sagte man mir, dass man eine allzu offene Kritik am Islam nicht senden könne, weil es die Mitarbeiter gefährden würde. Politik und Medien ignorieren Rechtsverletzungen und tarnen ihre Ignoranz als Toleranz.“ In der Koranschule wurde Sabatina erklärt, dass man die demokratischen Werte zerstören müsse, um die westliche Welt zu islamisieren. „Und was macht Deutschland?“, fragt Sabatina. „Es öffnet den Fundamentalisten noch die Tür: Herzlich willkommen!“ Trotz alldem liebt Sabatina ihre Heimat Pakistan, die Musik, die Farben, die Gastfreundschaft, und sie vermisst ihre Eltern. Sie ist jung, sie ist schön und keineswegs verbittert, manchmal jedoch sehr einsam. Sie will einfach nur selbstbestimmt leben, ohne Angst und einen Mann heiraten, den sie liebt. Sie kennt viele muslimische Frauen, die sagen, sie wollten ihre Familie behalten, und dafür opferten sie alles, ihr Leben und ihre Freiheit.

 

Sabatina sagt: „Ich will meine Freiheit und dafür opfere ich alles.“

 

Sabatina James hat es geschafft, sich aus der Unterdrückung zu befreien. Sie hat über ihre eigene, leidvolle Erfahrung Bücher geschrieben und hilft mit der Gründung des Vereins „Sabatina e.V.“ muslimischen Frauen, ein selbst bestimmtes, freies Leben zu führen. Durch Aufklärung will Sabatina die Öffentlichkeit für die Situation der Frauen sensibilisieren und Missstände aufdecken und bekämpfen. Sabatina kämpft für Toleranz, Respekt bei kultureller Vielfalt und ein gewaltloses, friedliches und freiheitliches Miteinander.



Mit:

Sabatina James
Sabatina e. V.

© 2016 Villa Lessing – Liberale Stiftung Saar